Story18.06.2026
Koordinierte Grundversorgung: Von Pilotprojekten zu Systemlösungen
Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Leistungserbringern im Gesundheitswesen wird bereits in zahlreichen Pilotprojekten erprobt. Ein aktuelles Beispiel ist das «Versorgungsmodell Baselland», an dem auch Apotheken aus dem Galenica-Netzwerk beteiligt sind. Nun gilt es, diese Ansätze konsequent weiterzuentwickeln und in nachhaltige, breit wirksame Systemlösungen zu überführen. Zu diesem Schritt rief Daniele Madonna, Chief Pharmacies Category Management & Health Services, an der diesjährigen Healthcare-Professionals-Initiative vom 5. Juni 2026 auf.
Wie sieht eine Gesundheitsversorgung aus, die Patientinnen und Patienten spürbar entlastet – und gleichzeitig die Effizienz des Gesamtsystems erhöht? Diese Frage stand im Zentrum des von Galenica initiierten Branchenanlasses, an dem rund 120 Vertreterinnen und Vertretern aus allen relevanten Bereichen des Schweizer Gesundheitswesens teilgenommen haben. Dazu gehörten CEOs von Krankenversicherungen oder Digital-Health-Unternehmen, Präsidenten von Organisationen und Verbänden, der stellvertretende Direktor des BAG sowie kantonale Gesundheitsdirektoren.
Das Format mit dem Ziel, die berufsübergreifende Zusammenarbeit in der Grundversorgung zu verbessern, fand nach 2023 und 2024 bereits zum dritten Mal statt.
Ein Wunschbild aus der Praxis – und ein realistischer Anspruch
In seiner Eröffnungsrede zeichnete Daniele Madonna, selbst eidgenössisch diplomierter Apotheker ETH, ein Szenario, das vielen als realistisch vorkommen dürfte – und heute dennoch Vision bleibt:
Eine chronisch erkrankte Person kommt in die Apotheke für eine venöse Blutentnahme und erhält unmittelbar nach erfolgter Analyse eine Einordnung der Resultate – abgestimmt mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt. Falls erforderlich, wird sie direkt und gezielt an diese weitergewiesen.
Der Mehrwert liegt auf der Hand: mehr Orientierung und weniger Umwege für die Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig würde die Grundversorgung spürbar entlastet. Und doch ist dieses Szenario vielerorts noch weit weg von einer möglichen Umsetzung.
An diesem Punkt schlug Daniele Madonna die Brücke zu den beiden bisher durchgeführten Healthcare-Professionals-Initiativen. Daraus sind bereits erste funktionierende Pilotprojekte hervorgegangen. Daniele Madonna sagt dazu: «Gute Konzepte scheitern selten am Nutzen. Sie scheitern an fehlender Abstimmung, an fragmentierten Zuständigkeiten und an regulatorischen Rahmenbedingungen, die nicht konsequent gemeinsam weiterentwickelt werden, um die Lösungen systematisch anzuwenden und in die Fläche zu bringen.»
Die Chance: Koordination als grösster Hebel
Genau hier setzte die diesjährige Healthcare-Professionals-Initiative 2026 an. Die Hebel für Veränderung sind vorhanden und liegen bei den anwesenden Akteuren aus Unternehmen und Organisationen selbst. Darin waren sich die Referentinnen und Diskussionsteilnehmenden einig - eine koordinierte Grundversorgung erfordert:
- Zusammenarbeit statt Silos und Doppelspurigkeit: Eine starke Grundversorgung entsteht interprofessionell – durch ein abgestimmtes Zusammenspiel von Apotheken, Ärzteschaft, Versicherern, digitalen Anbietern und Politik.
- Standards statt Einzellösungen: Skalierung erfordert klare Rollen, standardisierte Datenflüsse und tariffähige Leistungen.
- Bürokratie abbauen, Wirkung stärken: Keine neuen Modelle um jeden Preis, sondern eine pragmatische Weiterentwicklung bestehender Spielräume mit klarem Fokus auf den Mehrwert für Kundinnen und Patienten.
Koordinierte Versorgung gelingt dort, wo Struktur, Regulierung und Umsetzung zusammen gedacht und aufeinander abgestimmt werden.
Galenica geht voran
Dass sich Galenica als Netzwerk genau dafür engagiert, hat Marc Werner, CEO von Galenica, in seinem Abschlussreferat deutlich gemacht. Er hat zugleich die anwesenden Unternehmen und Organisationen eingeladen, mitzumachen. «Wir werden diese Initiative weiterführen und setzen unsere Energie und Ressourcen noch fokussierter für eine koordinierte Grundversorgung ein. Wir freuen uns, wenn wir dafür weitere Partner gewinnen.»
Die Teilnehmenden folgten diesem Aufruf: Mit ihrer Unterschrift hielten sie symbolisch fest, dass sie gemeinsam nicht nur nach Lösungen suchen, sondern deren Umsetzung aktiv vorantreiben wollen.
Damit ist die berufsübergreifende Zusammenarbeit einen Schritt weitergekommen. Allerdings – so hat es auch Marc Werner betont: «Die Umsetzung passiert nicht an solchen Anlässen. Sondern sie geschieht danach und bis vor dem nächsten Zusammenkommen.»
Nun gilt es, die nächsten Herausforderungen anzupacken und die Weichen für tragfähige Systemlösungen einer koordinierten Grundversorgung zu stellen, die die Bedürfnisse von Kundinnen und Patienten ins Zentrum stellen.
Daniele Madonna, Chief Pharmacies Healthcare & Category Management, im Gespräch:
Daniele, du sagst, Apotheken können mehr und entwickeln sich zur ersten Ansprechpartnerin im Gesundheitssystem. Welche Wendepunkte haben diese Positionierung begünstigt?
Drei Faktoren waren entscheidend: Regulierung, unser eigenes Engagement und Partnerschaften.
Mit der Revision des Heilmittelgesetzes 2019 wurden die Kompetenzen der Apotheken deutlich erweitert, etwa bei der Medikamentenabgabe und beim Impfen. Weitere Schritte folgten mit dem Kostendämpfungspaket 2.
Parallel dazu haben wir bei Galenica mit «Beratung plus» ein Konzept entwickelt, das die Beratungskompetenzen der Apotheken ins Zentrum stellt. Gestärkt wird dieses Angebot durch ein neues Apothekenkonzept und der gezielten Aus- und Weiterbildung unseres Fachpersonals.
Zudem gewinnen Partnerschaften an Bedeutung: Kooperationen mit Krankenversicherern und standardisierte Dienstleistungen stärken die Rolle der Apotheke als Eintrittspunkt ins Gesundheitssystem.
«Apotheken verfügen über eine hohe Fachkompetenz und können mehr Verantwortung übernehmen.»
Welches Erlebnis hat dich am stärksten davon überzeugt, dass Apotheken heute mehr Verantwortung in der Grundversorgung übernehmen müssen?
Ein prägender Moment war die Covid-Pandemie. Sie hat gezeigt, wie stark die Bevölkerung Apotheken nutzt und schätzt – für Beratung, Impfungen und Orientierung.
Meine Erkenntnis: Apotheken verfügen über hohe Fachkompetenz und können mehr Verantwortung übernehmen, sei es in der Erstabklärung, in der Begleitung von Therapien und auch heute im AI-Zeitalter, z.B. beim Einordnen der, von künstlicher Intelligenz gemachten, Diagnosen.
Wie bleibst du als Geschäftsleitungsmitglied nahe an den Kundinnen und Kunden?
Mein Herz ist und bleibt das eines Apothekers. Um nahe an den Kundinnen und Kunden zu bleiben, besuche ich regelmässig unsere Apotheken und suche den Austausch mit den Teams.
Zudem engagiere ich mich in Fachgremien, etwa bei pharmaSuisse, und verfolge so Entwicklungen in der Branche.